…geht mir auf, dass ich ein Autoritäts-Problem habe. Was ja, nach jahrelanger leidvoller Erfahrung in der Schule und auf der Uni, nicht so ungewöhnlich sein dürfte und welches ich mit schätzungsweise neunzig Prozent meiner Altersgenossen teile. Aber von dem rede ich gar nicht. Ich habe nämlich zusätzlich ein massives und persönliches Autoritäts-Problem mit dem Berufsstand der Rauchfangkehrer.
Hauptkehrungstag. Ich bin bestens vorbereitet: Badezimmer ausgeräumt, Kamintür freigelegt, Kübel, Kehrschaufel, Staubsauger und Trinkgeld hergerichtet. Zwischen neun und elf Uhr kommt er, der Mann in Schwarz mit dem neckischen weißen Hütchen, dem ich, mein Kamin und meine Gaskombitherme auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind.
Es läutet. Eine Viertelstunde zu früh. Doch die Intensität des Klingelgeräusches duldet keinerlei Widerspruch. Hier entscheidet definitiv nicht die Uhr, wie spät es ist. Ich öffne die Tür und winke den Schwarzen Mann mit einem sanften Lächeln weiter ins Badezimmer. Freue mich, dass er diesmal keine Rußspuren auf dem Fußboden hinterlässt. Wahrscheinlich sind wir die Ersten, direkt um, äh, Neun.
Mit kritischem Blick und kundigen Handgriffen macht sich der Herr an unserem Kamin zu schaffen, reinigt, prüft und notiert Dinge auf seinem Klemmbrett. Es fehlt an nichts: ich habe ja Kübel, Kehrschaufel, Staubsauger und Trinkgeld hergerichtet. Dass bisher außer „Guten Morgen“ noch kein Wort gefallen ist, werte ich als positiv und bin in Gedanken schon wieder beim Aufräumen.
Doch dann zerstört das Pickerl auf der Therme meine Illusion der friedlichen und gleichberechtigten Koexistenz. Die Abgasüberprüfung ist nämlich fällig. Oder besser war. Im Mai. Ob ich das denn nicht bemerkt habe? Ich schüttle betroffen mein Haupt und versuche gar nicht erst, mich zu rechtfertigen oder herauszufinden, was genau eigentlich jedes Jahr so auf dem Klemmbrett vermerkt wird. Nun habe ich aufgrund meiner schweren Verfehlung nur noch bis Ende des Monats Zeit. Zwei Tage.
Streng werde ich auf den Paragraphen Sowieso der Wiener Abgas-Wasweißich-Verordnung hingewiesen. Das ist eben so, da gibt es nichts zu rütteln. Sonst muss mich der Rauchfangkehrer beim Magistrat melden. Und dann…
Aber ich habe Glück im Unglück: das Gesetz steht ja quasi vor mir in meinem Badezimmer und verlängert mir meine Frist um zwei Wochen. Ist ja nicht so. Geht schon irgendwie. Bis dann. Und weg isser.
Mann, da kann ich aber froh sein! Vor allen Dingen, dass ich heute anwesend war – nicht auszudenken, hätte ich erst den Zweittermin zur Kehrung im September wahrgenommen. Das Trinkgeld habe ich mir übrigens selber gegeben. Ich finde, das habe ich mir mit meiner Leistung wirklich verdient.
