Samstag, 26. April 2014

...an einem verregneten Samstagvormittag...

...sitzen wir gesammelt im Wohnzimmer, füttern unsere Kühe und Hühner, ernten Weizen, Mais und pflanzen Kirschbäume. „HayDay“ nennt sich das Online-Spiel, bei dem man seinen eigenen Bauernhof bewirtschaftet und virtuelles Spielgeld verdient, mit dem man dann seine Farm erweitern kann. Macht süchtig und Spaß  – was wir natürlich niemals öffentlich zugeben würden.

Jedenfalls gibt es seit ein paar Tagen einen kleinen, weißen Hasen im „HayDay“-Angebot. Süß ist der, der hoppelt nämlich und piepst so herzig und schnüffelt und so und ich will den haben, kann ihn mir aber nicht leisten. P., der alte Streber, dagegen schon. „Papa!“, kräht der jüngere Nachwuchs begeistert, als er diese Tatsache entdeckt. „Kauf dir den Hasen, da kannst du die Mama voll dissen!!!“

Der Versuch, darauf etwas Passendes zu erwidern, bleibt erfolglos. Denn mir wird klar, was mir eigentlich schon am Vortag hätte aufgehen müssen, als Großsohn mir auf die Schulter tippte, ebendies mit „Gebackfischt!“ kommentierte und irre kicherte über diesen, äh, großartigen Scherz: Ich bin angekommen im sprachlichen Eltern-Aus. Ich gehöre nicht mehr dazu, kann nicht mehr mitreden. Ich bin plötzlich diejenige, die altbackene Wörter verwendet wie „Prima“, „Super“ oder „Cool“. Ich bin alt.

Fies ist das, nicht zuletzt, weil ich mich dagegen nicht wehren kann. Egal, was ich sage, es wird falsch sein. Versuche ich zum Beispiel, ein Wortgefecht unter Brüdern mit den Worten „Schluss mit dem Dissen!“ zu beenden, mache ich mich, nicht nur vor dem Nachwuchs, doch komplett lächerlich! Sage ich „Hört auf, euch zu streiten!“ oute ich mich als auf einem ewig gestrigen Sprachniveau Zurückgebliebene.

Ich verspüre ein bisschen Mitgefühl mit meinen Eltern. Ich erinnere mich gut an ihre Zeit im Sprachexil und habe noch die Ermahnungen meines Vaters im Ohr, doch meine jugendliche Wortwahl zu überdenken. Andererseits mussten die sich nur mit so harmlosen Auswüchsen wie „Geil“ herumschlagen. Kinderkram, eigentlich.

Da erhebt sich plötzlich der Ältere vom Sofa, schaut in die familiäre Runde, kommentiert die Gesamtsituation mit einem cool gehauchten „Stylish!“ und entschwebt irgendwo anders hin. Ich fühle mich gemobbt, rolle mich in meiner Seniorenecke zusammen und chille erst mal mein Leben.

Dienstag, 19. März 2013

...beim Channel-Hoppen...

...bleibe ich gänzlich unvorbereitet auf „W24“ hängen. Für alle, die das nicht kennen: „W24“ ist ein (der?) Wiener Stadtfernsehsender und bietet dem interessierten Zuseher Programmhighlights wie zum Beispiel „Guten Abend Wien“, „Guten Morgen Wien“ und „Mein Wien“.

Mich jedenfalls fesselt spontan „wien.at-TV“. Wir hatten ja Anfang März in Wien eine Volksbefragung, und „das wöchentliche Magazin der Stadt Wien“ klärt mich über die Details der dabei gestellten Fragen auf. Bei einer der Fragen geht es um die Entwicklung von Bürgerinnen-Solarkraftwerken.

Halt. Stop. Habe ich richtig gehört? BürgerINNEN-Solarkraftwerke? War da im gedruckten Wort auf dem Papier-Fragebogen nicht mal ein Binnen-I oder sowas ähnliches? Ich forsche nach. Und siehe da, auf dem Original-Stimmzettel der Stadt Wien lautet die Formulierung „Bürger/innen-Solarkraftwerke“. Das stellt natürlich den abgebrühtesten Moderator vor ungeahnte Herausforderungen.

Einfach so, wie der Kommentator von „wien.at-TV“, in „Bürgerinnen-Solarkraftwerk“ ein imaginäres Binnen-I sprechen und riskieren, dass sich die männliche Zuseherschaft diskriminiert fühlt? Oder vielleicht doch ein etwas umständlicheres „Bürger-und-Bürgerinnen-Solarkraftwerk“ riskieren? Oder, ich wage es kaum zu schreiben, den Hut drauf- und ein mutiges „Bürger-Solarkraftwerk“ raushauen?

Für mich klingen mittlerweile alle Varianten total dämlich. Ich bin gehemmt, sprachlich handlungsunfähig! Bin ich jetzt ein(e) BürgerIn? Oder ein/e Bürger/in? Oder, gesamt gesehen, „Bürger und Bürgerinnen“?

Im Endeffekt werde ich es wohl einfach mit Monty Python's „Das Leben des Brian“ halten. Ich denke da an Loretta. Die ist zwar ein Mann, hat aber trotzdem das Recht, Kinder zu bekommen. Das ist quasi wie bei mir. Denn ich bin zwar eine Frau, habe aber trotzdem das Recht, in der Alltagssprache aufs Gendern zu pfeifen.  

Dienstag, 20. November 2012

...im Sportgeschäft (2)...


…kann ich mich eigentlich nur noch wundern. Aber von Anfang an. Ich bin in meiner Eigenschaft als „Platinum-Kunde“ vor Ort. Solcherart veredelt halte ich meinen „persönlichen Gutschein“ über „minus 18 Prozent auf einen Artikel Ihrer Wahl“ in den Händen. Aber nur an diesem bestimmten „Freitag und Samstag“. Da kommt Freude auf – und natürlich Druck. Ich meine, „minus 18 Prozent“ sind doch keine Kleinigkeit! Die wollen wohl überlegt sein!

Deswegen wurde schon im Vorfeld eifrig Skigewand probiert, gemessen, für trag- bzw. untragbar befunden. Die gute Nachricht: eigentlich haben wir fast alles. Die schlechte: Junior 1 braucht eine Fleecejacke. Die noch schlechtere Nachricht: das Sportgeschäft hat rechtzeitig zu den Platinum-Tagen die interessante Ware ins Lager geräumt. Aber! Ich! Will! Doch! Den! Gutschein! Einlösen!

Handschuhe. Dringend, beschließe ich. Die werden sie schon nicht versteckt haben, denke ich. Und siehe da: Handschuhe gibt es wirklich jede Menge. Alle erdenklichen Formen und Farben, in dick und in dünn, in teuer und günstig. Allerdings für Herren. Ich streife durch das Geschäft, fange einen Verkäufer ein und frage mutig nach den Damenhandschuhen (schließlich bin ich ja immer noch „Platinum-Kunde“). Der Herr legt die Stirn in Falten, denkt (?), deutet auf das Regal neben mir und antwortet bedächtig: „Das hier sind Laufhandschuhe.“

Jetzt entsteht eine kurze Diskussion, die ich in diesem Rahmen nicht wiedergeben möchte. Jedenfalls lerne ich daraus, dass man als Frau nicht zu kleinlich sein darf. Hand ist Hand, egal was auf den Schildern drauf steht. Mit „Herren“ sei eh „für alle“ gemeint. Das mache die Zentrale immer so.

Das ärgert mich dann schon ein klitzekleines bisschen. Vor allem, als ich den Ständer mit den „Damen-Skihandschuhen“ passiere. Ich verwerfe den Handschuhplan.

Socken. Dringend, beschließe ich. Und ohne Schmäh und ganz ehrlich, es gibt bloß... na? Richtig, Herrensocken. Ausnahmslos. Nur der Doppelpack in Größe 35-38 tröstet mich ein wenig über meine Platinum-Niederlage hinweg. Denn der kleine Mann von heute hüllt seine Füße in Rosa. 

Samstag, 21. Juli 2012

...in der Küche...


...stecke ich bis zu den Ellbogen in einer klebrigen, undefinierbar bräunlich-grau gefärbten Masse, die komisch riecht. Teig soll das sein, Brot soll es werden. Mittlerweile pickt die Mischung nahezu überall: Arbeitsfläche, Fliesen, Löffel, Espressomaschine, Wasserkocher, Brotschneider, meinereiner. Ich fühle mich hilflos.

In Wirklichkeit bin ich ja ein Opfer. Es musste so kommen, ich konnte mich nicht wehren: die Kochsendungen auf RTL Living haben mein Hirn gründlich gewaschen. Einmal nicht drübergehoppt und, schwupps, verloren. Denn plötzlich will ich das alles auch. Ich will Knoblauchzehen mit dem Messer erlegen wie Jamie Oliver, ich will Zucchiniblüten frittieren wie Hugh Fearnley-Whittingstall, ich will in meine selbstgemachten Kuchen beißen wie Nigella Lawson, ich will Schnecken pürieren wie Heston Blumenthal (ok, das vielleicht nicht). Ich will Gäste, die "Delicious!", "Fantastic!" und "Unbelievable!" rufen, wenn sie mein selbstkreiertes Essen kosten.

Soweit der Plan. Für den Anfang hatte ich mir was "ganz Einfaches" (O-Ton Jamie Oliver) ausgesucht. Sauerteigbrot. Ein bisschen Wasser, ein bisschen Mehl, ein bisschen Zeit und, schwupps, hat man seinen eigenen, kleinen Sauerteigfreund, der lebt und blubbert und gefüttert werden muss. Jedes Mal, wenn ich meinen persönlichen "Jamie" mit dem Schneebesen rühre, höre ich im Kopf die Signation von "Jamies 30 Minuten Menüs". Ich fühle mich gut, alles ganz easy (und zum Schluß einen Schuß Olivenöl, das Gute).

Nach ein paar Tagen entwickelt "Jamie" Charakter. Soll heißen, er stinkt. Ich rühre und füttere und halte eisern an dem Glauben fest, dass Kochen bzw. Backen wirklich so einfach ist wie im TV. Freue mich auf den Moment, an dem ich mit den bloßen Händen mein eigenes Brot kneten werde. So echt. So ursprünglich!

Und da wären wir nun. In meiner Küche kleben die übel riechenden Überreste meiner Illusion. Willkommen zu Hause in der Realität, in der das Debakel auch wieder weggeputzt werden muß. In der niemand diesen Haufen je kosten wird. In der ich mich leise von "Jamie" verabschiede und ihn, nicht ohne vorher zu kontrollieren ob ich beobachtet werde, im Hausmüll entsorge. Dort wird es ihm besser gehen. Bestimmt. Und jetzt muß ich "Hugh" füttern gehen.

Mittwoch, 21. September 2011

…im Sportgeschäft…

…bin ich auf der Suche nach einem Skateboard. Nicht für mich, Gott bewahre. Meine wenig hoffnungsvolle Rollbrettkarriere endete schon vor mehreren Jahrzehnten – tragisch, aber davon will ich jetzt gar nicht reden. Und eigentlich geht es ja auch nicht um das Skateboard, sondern um den zufälligen Bikini.

So ein Bikini, muss man wissen, ist gar nicht so leicht zu finden. Nämlich: passt das Oberteil, kneift die Hose. Passt die Hose, schlabbert das Oberteil. Passt die Farbe, ist der Schnitt indiskutabel. Passt wider Erwarten einmal alles, ist der Preis garantiert eine Zumutung. Umso größer also meine Freude, als ich vollkommen unerwartet in der Sonderangebotsecke einen Alles-sogar-die-Farbe-passt-Bikini entdecke, für - festhalten- unglaubliche 10 (in Worten: zehn) Euro!!!

Hahahaha! Ich bin die Schnäppchenkönigin! Vergessen ist das Skateboard (damit tut man sich doch sowieso nur weh), ich schreite triumphierend zur Kassa und übergebe locker-lässig meine Beute dem Bezahlpersonal. Die junge Dame mustert meinen perfekten Bikini, runzelt die Stirn, zückt einen Kugelschreiber und beginnt, auf den am Bikini befestigten Preiszetteln herumzukritzeln. Ich traue meinen Augen nicht: die reduzierten 10 Euro wurden nochmals spontan auf 3,98 Euro reduziert!!!

Hahahaha! Jedoch: „Stimmt was nicht mit dem Bikini?“ frage ich sicherheitshalber. Die Kassiererin blickt sich verstohlen um, beugt sich zu mir und raunt mir in verschwörerisch-mitleidigem Tonfall zu: „Das ist ein Vorjahresmodell.“ Dann lehnt sie sich wieder zurück und gibt mir mit ihrem etwas zu langen Blick stumm zu verstehen, dass da wohl echt was schief gelaufen ist in meinem Leben.

He! Was soll das? Dieser Bikini ist doch eine Occasion, ein Geheimtipp! Kein Verlegenheitskauf! (Oder?) Und was bitte soll ich jetzt den anderen Schwimmsachen zu Hause erzählen, die ich alle schon viel länger als eine Saison besitze? Ich erwäge kurz, rot zu werden, verwerfe die Idee aber wieder, bezahle mein Retro-Sammlerstück und verschwinde möglichst unauffällig.

Als ich ein paar Tage später im Schwimmbad jemandem in „meinem“ neuen Vorjahres-Bikini begegne, ist die Welt spontan wieder in Ordnung. Ob sie wohl weiß, dass ich weiß… Hahahaha!

Freitag, 1. April 2011

…vor dem Fernseher…

… durfte ich endlich mal wieder in der wunderbaren Welt der TV-Ärzte versinken. Das passiert in letzter Zeit leider viel zu selten, denn wegen des immer lauter werdenden Protests aus meinem unmittelbaren Umfeld musste ich meinen Weißkittel-Konsum leider Gottes auf ein (für mich) absolut notwendiges Minimum reduzieren.

Ich verstehe es ja selber nicht so ganz – schließlich gehe ich nicht besonders gerne zum Arzt. Im Gegenteil, ich mache mir ordentlich ins Hemdchen, wenn ich denn auch mal zum Onkel Doktor muss. Ich hasse Wartezimmer, und ich verabscheue den unaufdringlich-aufdringlichen Geruch in Krankenhäusern. Aber wenn die Signation meiner Lieblings-Krankenhausserie ertönt, sind die Erinnerungen an das wahre, schnöde Patientendasein wie weggewischt.

Da bewundere ich dann die unglaublich jungen und feschen Assistenzärzte, die mit unerschütterlichem Ehrgeiz und unerschöpflicher Energie 60-Stunden-Dienste verrichten, die meisten ihnen anvertrauten Leben retten und nachher einen trinken gehen. Nach nur drei Stunden Schlaf sind sie wieder auf den Beinen und bereit, im nächsten Megadienst alles zu geben und von ihren unglaublich kompetenten und feschen Vorgesetzten zu lernen. Inklusive Pantscherl, im Bereitschaftsraum (wieso platzt da eigentlich nie einer rein?).

Sie tragen niemals zwei Mal die gleichen Klamotten (Krankenhauskluft ausgenommen). Sie haben keine Augenringe und bis auf wenige Ausnahmen überschlanke Körper, obwohl sie dauernd essen. Sie saufen, als gäbe es kein Morgen, obwohl sie jederzeit wegen eines Notfalls angepiept werden könnten. Und jeder Krankenhausangestellte hat mit mindestens zwei seiner Kollegen schon mal was gehabt. Und das Allerbeste: sie finden jederzeit und immer die richtigen, einfühlsamen oder auch mal harten Worte. So treffsicher könnte ich auch nach drei Stunden Nachdenkzeit und mit Spickzettel nicht formulieren.

Und ja, wenn ich das so lese, finde ich auch: ausgemachter Dummfug. Andererseits – könnte ich mir aussuchen, welcher Arzt meine saftige Erkältung therapieren soll…

Donnerstag, 11. November 2010

…kurz vorm Gehen…

…bin ich mal wieder reingetappt: In einer Viertelstunde muss ich das Haus verlassen – da gehen sich noch ein kleiner Kaffee und flugs Email-Schauen prima aus, denke ich. Das, was danach passiert, nenne ich die „Nur-schnell-mal-eben-Falle“.

Fünfzehn Minuten Zeit und ich habe einen Plan. Während der Rechner hochfährt, macht mir die Espressomaschine den Kaffee. Mit dem fertigen Gebräu in der Hand setze ich mich an den Schreibtisch und stelle fest, dass der Computer zwar fertig, der Lüfter aber mal wieder nicht angesprungen ist (nein, ich will nicht drüber reden). Das bedeutet: Neustart, und kostet optimistisch geschätzte zwei Minuten.

Geht ja noch. Ich neustarte und nippe an meinem Kaffee. Einmal. Zweimal. Dreimal. Mir bleibt nichts anderes übrig, denn ich muss abwarten, bis die fünf Updates fertig sind, die ich letztes Mal übersprungen habe, weil ich es WIRKLICH eilig hatte (und auch darüber will ich nicht reden). Bei T minus sieben Minuten schmeiße ich die Nerven weg und drehe mitten im Update 3 von 5 die Kiste ab (und darüber will ich jetzt schon überhaupt gar nicht reden).

Neustart. Mein Kaffee ist ausgetrunken. Ich belauere den Computer, damit ich den Plattencheck überspringen kann, den er machen will, weil irgendein Idiot einfach ausgeschaltet hat. Schwer nervös betätige ich die beliebige Taste und zähle die endlos langen Sekunden (Minuten? Stunden?) bis ich mich endlich einloggen kann. Ich will doch nur schnell mal eben Email-Schauen, verdammt!

Schauen geht sich aus, lesen ist nicht drin. Ich muss los, bin grantig auf den Rechner, der beim nächsten Hochfahren stundenlang die Platte überprüfen wird, und auf die ungerechte Welt und auf mich selbst, die zugelassen hat, dass die „Nur-schnell-mal-eben-Falle“ erneut ohne erwähnenswerten Widerstand zugeschnappt ist. Dabei tarnt sie sich noch nicht mal besonders gut…

Bin gleich wieder da, ich geh nur schnell mal eben die Wäsche aufhängen.