…lese ich den x-ten Artikel darüber, dass wir in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft leben. Ich persönlich bin mir allerdings nicht sicher, auf welcher Seite ich dabei stehe. In meinem Leben hat sich nämlich in den letzten Jahren Entscheidendes verändert. Es hat mir neben ein paar (wenigen und kaum sichtbaren) Falten und zwei Kindern nämlich auch einen akademischen Titel beschert.
Da sitze ist vor ein paar Tagen im Warteraum eines Wiener Amtes und werde aufgerufen. „Frau Magister S., bitte“ und - wusch! – die Köpfe der anderen drehen sich in Richtung meiner Person, die gerade ihre Siebensachen zusammensammelt. Es gelingt mir niemals, die bohrenden Blicke der anderen nonchalant zu ignorieren, denn ich kann hören, was sie denken: „Wieso kommt die jetzt schon dran?“, „Glaubt die, sie ist was Besseres?“, „DIE hat studiert?“.
Das ist doch total unfair! Hier fängt der ganze Zwei-Klassen-Mist doch schon an!
Ich weiß das alles so genau, weil ich natürlich auch ständig so was denke, wenn ein Akademiker demonstrativ als solcher aufgerufen wird. Das kann ich mir locker erlauben, so lange ich anonym in der Masse der Wartenden untertauchen kann. Sobald ich dann als Studierte demaskiert worden bin, mache ich mich möglichst rasch aus dem Staub.
Umgekehrt war es mir vor Kurzem in einem großen Kaufhaus unmöglich, die Verkäuferin nach dem Preis der von mir favorisierten Socken zu fragen. Sie war damit beschäftigt, auf dem Weg zur Kassa eine alte Dame dermaßen mit Höflichkeiten zu überschütten, dass sie keine Augen für mich hatte. Das Objekt der Zuwendung war übrigens die „Frau Hofrat“ – wozu, frage ich mich da, habe ich nun eigentlich studiert?

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